„ROCKHARZ“ in Ballenstedt - was für ein
Spektakel
Das überaus beliebte Festival ist 2026
schon wieder Geschichte - Zeit für ein Update.
Ballenstedt) Zweimal habe ich bereits über ROCKHARZ berichtet,
ohne je da gewesen zu sein. Ein Umstand, der mir erst nach dem letzten
Interview im Frühjahr 2026 so richtig bewusst geworden ist. Kann ja nicht
angehen, dass ich als gebürtiger Harzer vor Ort noch nie dabei war. Und das,
obwohl mit Osterode, Dorste und Förste einst die Location quasi direkt vor
meiner Haustür lag. Irgendwie hat es zeitlich nie so wirklich gepasst, oder ich
hatte es ob anderer Aufgaben schlichtweg vergessen. Nun denn, 2026 ist es
endlich so weit. Einer Stippvisite im Ostharz steht nichts mehr im Wege.
Gemeinsam mit Fotografenpartnerin und Freundin Hala Fadel machen wir uns am 02.
Juli auf die Pneus nach Ballenstedt.
Seit 1993 lässt das ROCKHARZ
Festival die Augen von Metal-Heads aus nah und fern leuchten. Entstanden
zunächst aus kleinen Anfängen an verschiedenen Orten des ehemaligen Landkreises
Osterode am Harz lockte es Größen wie Doro Pesch - sie war in diesem Jahr
übrigens erneut zu Gast - oder Guano Apes in die vorharzliche Provinz. Von
Beginn an sei es für die Veranstalter ein Anliegen gewesen, eine Auszeit vom
Alltag im Kreise Gleichgesinnter zu schaffen, ohne ständige schlechte
Nachrichten. Seit 2009 ist der Verkehrslandeplatz in Ballenstedt im Ostharz an
der Teufelsmauer neuer Austragungsort. Die Gründe des Umzugs waren die stetige
ansteigende Besucherzahl sowie kürzere Wege zum Campingplatz. Im Laufe der Zeit
entwickelte sich das Open Air zu einem der größten
Metal-Freiluft-Veranstaltungen in Deutschland und erfreut sich völlig zu Recht
steigender Beliebtheit.
In diesem Jahr sind laut
Pressesprecher Kai Wilhelm über 25.000 Zuschauer und Gäste in den Harz
gekommen, das Event war ausverkauft. Rund 60 Bands teilten sich dabei die zwei
Bühnen des Geländes und brachten die benachbarte Teufelsmauer zum Beben. Da war
für jeden Geschmack etwas dabei gewesen. Festivals dieser Art gibt es zwar so einige
im Lande. Jedoch unterscheidet sich ROCKHARZ in mancherlei Hinsicht deutlich
von ihnen. Beispielsweise in Sachen Inklusion, soziales Engagement oder als
Außenstelle des Standesamtes Ballenstedt, doch dazu später mehr.
Unsere Hinfahrt erweist sich als problemlos
- als Pressevertreter können wir direkt am Eingang parken -, das Einchecken
dauert keine zwei Minuten. Dann geht es voller Vorfreude vorbei an großen
Band-LKWs auf den heiligen Grund. Zum Glück spielt das Wetter mit, und es ist
nicht so heiß wie die Woche zuvor. Ich bin gespannt, wie meine Begleiterin
empfindet. Ist sie doch ein völlig „unbeschriebenes Blatt“, was Metal-Musik
oder gar Festivals dieser Art betrifft. Die Atmosphäre ist wie erwartet
tiefenentspannt, auch ein wenig wie Karneval, was die (Ver)Kleidung so mancher
Fans, aber auch Bands, betrifft - zum Beispiel die als satanischen Nonnen
gekleideten Mädels der Band „Dogma“ aus Südamerika. Erlaubt ist eben, was
gefällt, das mögen wir. Der Umgang unter den Besuchern ist kameradschaftlich, höflich.
Vor dem eigentlichen Innenraum sehen wir zwei einzelne Polizisten, die sich
ihren Imbiss schmecken lassen. Das war’s aber auch an Polizei.
Drinnen ist das Sicherheitspersonal
nahezu unsichtbar. Das wundert nicht, denn Metalfans sind in der Regel friedlich.
Eine Vielzahl an Merchandise-Ständen sind über den Platz verteilt. Ebenso jede
Menge Möglichkeiten und Abwechslungen für das leibliche Wohl. Beim Rundgang
fallen mir wieder Interview-Aussagen vom ROCKHARZ-Geschäftsführer Thorsten
(Buddy) und seiner Mitarbeiterin Juliane aus dem Frühjahr wieder ein: „Unsere
Gäste sind uns wichtig. Wir kümmern uns immer gerne um ihre Wünsche. In diesem
Jahr werden wir unter anderem die Anzahl von Sitz und Schattenplätzen ausbauen
sowie mehr Wohlfühlatmosphäre und Komfort schaffen, zum Beispiel durch den
sukzessiven Ersatz von immer mehr Mobiltoiletten durch Spültoiletten. Auch
arbeiten wir stetig daran, den Aufenthalt behinderter Metal-Heads weiter zu
erleichtern. Inklusion ist bei uns seit jeher ein großes Thema. Es gibt ein
Inklusionscamp mit eigener Rezeption, examinierten Pflegekräften und mehreren
entsprechenden Einrichtungen, wie zum Beispiel barrierefreie Duschen.
Ausgediente Fließbänder aus dem Bergbau dienen als Rollstuhlpfade. Auch haben
wir mit Björn Schulz einen Inklusionsscout, der selbst im Rollstuhl sitzt und
uns entsprechendes Feedback der Gäste weitergeben kann. Letztes Jahr ließen wir
extra eine spezielle App namens „ROCKHARZ Kompass“ für Blinde und Sehbehinderte
entwickeln. Durch sie wird das Festivalgelände zu einer Stadt mit künstlichen
Wegen. Das Ganze funktioniert mittels Haptik und haptischen Symbolen, denn bei
der Musik hört man ja nichts, so dass die Nutzer leicht ihr Zelt oder Stände
finden. Unsere Getränkekarte hat beispielsweise auch einen QR-Code, über die
man sie sich von der App vorlesen lassen kann. Ebenso bemühen wir uns, andere
Veranstalter in Sachen Inklusion zu ermutigen und zu unterstützen.“
Besagtes Inklusionscamp besuchen wir
daraufhin, wo wir einen Blick hinter die Kulissen werfen dürfen. Auch hier
alles „easy going“. Es ist schon wirklich beeindruckend zu sehen, was alles für
die vielen behinderten Fans getan wird, um ihnen ein tolles Festivalerlebnis zu
bieten. Auch Inklusionsbeauftragter Björn rollt uns dort über den Weg. Ein kurzes
Gespräch, dann muss er schon weiter in den Innenraum. 120 Malteserkräfte seien
in 2 Schichten im Einsatz, erzählt uns wenig später der Sprecher vom Malteser Hilfsdienst e.V., den wir auf seinem Rundgang
treffen. Hochzeitstrauungen haben wir zwar zeitlich verpasst, dafür treffen wir
aber auf fleißige Dosensammler von „Glück in Dosen“, die ihre „Beute“ gerade
zum Sammelplatz bringen. Sie haben dabei ihren Spaß, denn allzu gern möchten
sie das Sammelergebnis vom letzten Jahr noch steigern. Damals wurde mit
105.000 Euro Pfandgeld nicht nur ein neuer Rekord erreicht – sondern die
Aktion, deren Erlös verschiedenen sozialen Projekten der regionalen Kinder- und
Jugendarbeit zu Gute kommt, hat damit auch erstmals den Meilenstein einer
sechsstelligen Summe deutlich überschritten.
Dann zieht
es auch uns vor die Bühne und in Richtung Fotografengraben. Schließlich möchten
wir noch mehr von der tollen Atmosphäre einfangen, die auch auf meine Partnerin
überschwappt. Zu den Klängen vom Schockrock-Altmeister Alice Cooper
entschwindet auch sie in den Fotografengraben vor der Bühne. Danach machen wir
uns auf den Heimweg in Richtung Dorste und Göttingen.
Zurück zuhause und gut zwei Wochen
nach Ende des Festivals beantwortet Kai von ROCKHARZ noch unsere weiteren
Fragen:
Moin
Kai, ROCKHARZ 2026 ist nun Geschichte. Seid ihr zufrieden mit dem diesjährigen
Verlauf?
Wir blicken
auf eine äußerst erfolgreiche Festivalwoche zurück. Der Ablauf des Festivals
erfolgte aus Veranstaltersicht reibungslos und ohne Zwischenfälle und selbst
das Wetter war uns, bis auf einen kurzen, kräftigen Schauer am
Anreise-Mittwoch, gut gesonnen. Die Tickets für’s kommende Jahr waren in
Rekordzeit ausverkauft - insgesamt sind wir also sehr zufrieden mit dem
diesjährigen Verkauf.
Was lief
aus eurer Sicht gut oder hätte besser sein können?
Für uns hat
die Nachproduktion gerade erst begonnen. Das zu erörtern und zu analysieren ist
die Aufgabe, der wir uns in den kommenden Wochen stellen werden. Da wir sehr
hohe Ansprüche an uns selbst haben, werden wir sicher in allen Bereichen etwas
finden, was wir besser machen können, da ist aus unserer Sicht immer Luft nach
oben. Ich denke aber, dass die Anreise nach den Änderungen im letzten Jahr
erneut sehr gut gelaufen ist. Und auch mit dem Zuspruch in unserem Inklusionscamp
können wir durchaus zufrieden sein. Über 500 Personen mit Behinderungen und
ihre Begleitpersonen sprechen da, glaube ich, eine sehr deutliche Sprache.
Könnt
ihr schon sagen, wie viel bei der Pfanddosensammelaktion „Glück in Dosen“
rumgekommen ist? Gibt es bereits einen Pressetermin dafür?
Nein, da
liegen aktuell noch keine Zahlen vor. Wir hoffen aber, dass wir in diesem Jahr
die Summe von insgesamt 500.000 Euro seit Bestehen der Aktion überschreiten und
damit auch die Zahl von zwei Millionen gespendeten Dosen erreichen. Die
Bekanntgabe der Summe und damit auch die Spendenübergabe an die in diesem Jahr
ausgewählten Projekte wird am Donnerstag, den 05. November, stattfinden.
Gibt es
vielleicht Neuerungen für 2027, die schon spruchreif sind, zum Beispiel in
Sachen Inklusion usw.?
Im Großen
und Ganzen gehen wir unter den gleichen Vorraussetzungen in die Planung für
2027 wie in diesem Jahr. Große Neuerungen sind nicht geplant, stattdessen
werden wir nach einer ausführlichen Auswertung des diesjährigen ROCKHARZ an
einigen Stellschrauben drehen und einige Details verbessern und optimieren. Das
gilt für alle Bereiche, inklusive unseren Inklusionsbemühungen. Menschen mit
Behinderungen einen möglichst unbeschwerten Festivalbesuch zu ermöglich
verstehen wir als Marathon und nicht als Sprint bei dem man sich auf Erfolgen
über kurze Distanz ausruhen kann. Übrigens ist das ROCKHARZ 2027 erneut
ausverkauft. Auf der Homepage ist Folgendes zu lesen: „Wahnsinn, dass wir
erneut nach nur drei Tagen Vorverkaufsphase das „SOLD OUT“ verkünden dürfen.
Wir wissen, dass das – gerade in der heutigen Zeit – absolut nicht
selbstverständlich ist. Daher danken wir Euch von ganzem Herzen für Euer
Vertrauen!“
Was unseren Besuch beim nächsten ROCKHARZ 2027
anbelangt: Wenn es zeitlich passt und man uns lässt, sieht man sich gerne
wieder, bis dahin „Rock on!“
Bildlegende 01:
Bild 01: Band-LKW.
Bild 02: Willkommen beim ROCKHARZ.
Bild 03: Ehrenamtliche sammeln Dosen für "Glück in Dosen".
Bild 04: Inklusionsscout Björn Schulz.
Bild 05: Ausgediente Fließbänder aus dem Bergbau dienen als Rollstuhlpfade.
Bild 06: Extra Sanitärcontainer für behinderte Fans.
Bilder 07-19: Eindrücke vom ROCKHARZ.
(Fotografen: Hala Fadel und Ralf Gießler)
Bildlegende 02:
Bilder 20-21: Die satanischen Nonnen der Band "Dogma" (Fotografin: Natalia Sokolowska/ROCKHARZ).
Bilder 22-23: Schockrocker Alice Cooper (Fotograf: Christian Plath/ROCKHARZ).
Ralf Gießler